Schwäbische Zeitung 31.01.2012 Am See sieht man Fracking kritisch Von Karin Walz ÜBERLINGEN „Frack Yourself“. Mit dieser Parole haben sich Bürger einer Gemeinde in Nordrhein-Westfalen gegen die Fracking-Pläne des Exxon-Konzerns gewehrt. Auch im Bodenseeraum wächst der Widerstand gegen unkonventionelle Gasbohrungen der Firma „3LegsResources“. Der Sprecher der Interessensgemeinschaft „Gegen Gasbohren“ informierte auf Einladung des Vereins „Bürgersinn Überlingen“ über die Risiken dieses Verfahrens. Die Konzession für die Suche nach Erdgasvorkommen im Bodenseegebiet erhielt das britische Unternehmen „3LegsResources“ vom Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau (LGRB) in Freiburg. Henning von Jagow, der Vorsitzende des Vereins Bürgersinn, monierte die Lizenzvergabe, die still und heimlich erfolgt sei. Und das für eine Region, die nicht nur von Tourismus und Landwirtschaft geprägt sei, sondern auch rund vier Millionen Menschen mit Trinkwasser versorge. Das Konzessionsgebiet umfasst allein am Überlinger See die Region von Stockach bis Meersburg und von Salem bis Herdwanden-Schönach. Der Grund für das Interesse von „3LegsRessources“: In diesem Gebiet gibt es gashaltige Schiefervorkommen. Dieses Gas kann durch eine aufwändige Technik, Fracking genannt, gewonnen werden. Beim Fracking werden in dem abgesteckten Förderfeld in Entfernungen von etwa fünf Kilometern Bohrlöcher angebracht. Durch diese wird mit hohem Druck Wasser, das einen Chemikalien-Mix mit teilweise nicht abbaubaren Stoffen enthält, in die Erde geschossen. Die gashaltige Schieferschicht bricht auf und es entstehen künstliche Risse. Das wieder abgepumpte Wasser befördert aus dem Gestein zusätzliche Schadstoffe nach oben. Die Entsorgung des beim Fracking entstehenden „Lagerstättenwassers“ erfolgt bisher in Versenkbohrstellen oder in Industriekläranlagen. Weitere, bisher vor allem in den USA und in Großbritannien dokumentierte Nebeneffekte, sind Grundwasser- und Luftverschmutzungen, durch austretendes Methan verursachte Explosionen sowie Erdbeben. Über die Gefahren dieser Technik informierte in Überlingen Jörg Krüger. Er kennt die Problematik aus eigener Erfahrung, denn der Sprecher der Interessensgemeinschaft „Gegen Gasbohren“ kommt aus der Gemeinde Nordwalde. Deren Widerstand gegen die Pläne der Öl-Multi-Tochter Exxonmobil hat dazu geführt, dass diese Form der Gassuche in Nordrhein-Westfalen Ende März vorerst auf Eis gelegt wurde. Rund 100 Zuhörer verfolgten Krügers Vortrag mit großem Interesse. Henning von Jagow zeigte sich „überwältigt“ von der Resonanz, „mit der wir nicht gerechnet haben.“ Krüger wies in seinem informativen Vortrag gleich zu Beginn auf die rechtliche Problematik im Widerstand gegen diese umstrittene Methode hin: das Bergrecht. Dieses stammt aus dem 18./19. Jahrhundert, als Umweltaspekte noch keine Rolle spielten. Auch das um 1980 modifizierte Bundesbergrecht nehme hierauf kaum Rücksicht. Hinzu käme, dass die Hürden für eine inzwischen notwendige Umweltverträglichkeitsprüfung und die darin vorgegebenen Grenzwerte zu hoch angesetzt seien. Laut Krüger können laut einer aktuellen Untersuchung der Europäischen Union in Deutschland nur zwei Prozent des Gasbedarfs durch Fracking gedeckt werden. Damit stehe dieses Verfahren „in keinem Verhältnis zum Risikopotenzial“. Der Umweltausschuss des baden-württembergischen Landtags habe sich inzwischen – wie auch Umweltminister Norbert Röttgen – gegen Fracking ausgesprochen, doch nach wie vor „bricht das Bergbaurecht Menschenrecht“. Krüger wundert es nicht, dass Wirtschaftsminister Philipp Rösler sich für diese Form der unkonventionellen Gasgewinnung ausspricht. „Zumal in seinem Heimatland Niedersachsen Fracking zum Alltag gehört“. Ein übergreifendes Verbot, betonte Krüger, könne nur durch den Bundestag erfolgen. Mit Hoffnung blickt er nach Frankreich und Bulgarien. Diese beiden Länder hätten sich bereits für ein Verbot dieser Methode ausgesprochen und in den Niederlanden laufe gerade ein entsprechendes Moratorium. Auch die Zuhörer an diesem Vortragsabend signalisierten in der anschließenden Diskussionsrunde Widerstand. So erklärte Roland Schick von der Bodensee Wasserversorgung: „Wir lehnen das komplett ab“. Ein ehemaliger Baugeologe wies auf eine zusätzliche Problematik am Bodensee hin. „Wir befinden uns in einem ehemaligen Gletschergebiet“, da sei die Lage der Grundwasserschichten nicht abschätzbar. Joachim Betten, stellvertretender Vorsitzende des Vereins Bürgersinn erklärte abschließend: „Ihr Interesse hat gezeigt, dass sich hier in Überlingen etwas bewegt. Unterstützen sie uns, dass der Bodensee auch im Untergrund nicht zerstört wird“.
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Bürgersinn e.V.  Überlingen
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